Plötzliche Trennung - "me time"

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Andi99
Beiträge: 5
Registriert: 17. Nov 2023, 16:52

Plötzliche Trennung - "me time"

Beitrag von Andi99 »

Hallo an alle,

ich bin relativ neu hier und im Angehörigen Forum kam die Idee auf meine Fragen auch hier zu teilen, damit vielleicht weitere Antworten von Betroffenen kommen.

Vielen Dank und Grüße,
Andi
Andi99 hat geschrieben: 20. Nov 2023, 18:43 Hallo an alle,

ich bin neu hier im Forum und habe einiges darin gelesen. Das von mannisch kommt dem nahe, was ich erlebt habe/erlebe, mit dem Unterschied, dass der Kontakt zu ihr nicht komplett abgebrochen ist.
Trennungsgrund war auch "me-time", dass berufliche Veränderung und Alltag mit Kind einfach zu viel Stress für sie ist, somit kein Platz/Energie mehr für eine Beziehung mit jemandem. Da wir noch in Kontakt sind, ist auch ein neuer Partner sehr unwahrscheinlich für die Trennung.

Was ich noch nicht ganz verstanden habe:
- Warum ist der Drang nach "me-time" bei einer Depression so groß? Warum ist dann die Trennung der einzige Weg für manche?
- Warum ist es so schwer Hilfe/Unterstützung im Alltag vom Partner anzunehmen, aber von Freunden und Eltern weniger das Problem?


Vielen Dank und Grüße,
Andi
mannisch hat geschrieben: 15. Okt 2023, 00:51 Hey Ezio,
Kann ich 1:1 nachvollziehen.
Versuche das kurz zu halten...
Intensive Beziehung, 6 Monate, einschl. Zukunftspläne. Wir sind beide ca 50 Jahre alt.... haben noch nicht zusammen gewohnt.
4 Wochen vor Ende schon seltsame Vorzeichen, konnte ich nicht verstehen, wusste da ja noch garnichts über Depressionen.
Das Ende, voller cut mit für mich unverständlichen Kurzgesprächen und Texte.
Sie braucht me-time, muss weiter mit leichtem Gepäck.
Weitere Gespräche unmöglich, Texte ganz selten, wenn dann nur ganz einfache Dinge.

Nach paar Wochen, ich hatte mich schon halbwegs damit abgefunden, meldete sie sich wieder per Anruf.

Sie meinte ich könnte das falsch verstanden haben, so war das nicht gemeint. Sie hat mir ganz viel erzählt und erklärt.
Tage später ein weiterer Anruf, sie fragte wo wir mit dem Herzen stehen, mich quasi ganz tief abgeholt. Sie hat geweint. Will mich nicht verlieren.

2 Wochen später eine Nachricht von ihr... sie hat mir mehrfach versucht zu erklären, das mehr wie Freundschaft nicht geht.

Ich glaube auch, sie hat einen Neuen.... Ich nenne es mal "Lover".

Habe da nun (vorerst) den Stecker gezogen, weil das EXTREM gegensätzliche Verhalten macht mich kaputt.
Ich kann nicht mehr. Sie hat es nun geschafft, das meine Gedanken nur noch um sie kreisen. Aber es wird wieder langsam besser.
Habe sie seit 4 Monaten nicht gesehen.

Damit wir uns richtig verstehen, Betroffene leiden ganz bestimmt selbst enorm.
Wir (Angehörige) können wenig bis garnix machen, nur für uns selbst entscheiden.

Werde das noch für lange ruhen lassen und mich irgendwann melden. Vielleicht macht sie das vorher.

Das hat unglaubliche Narben hinterlassen, frage mich ob ich jemals wieder irgendjmd vertrauen kann.
In mir ist nun ganz viel kaputt.
Hoffe die Zeit wird es richten und wir freundschaftlichen Umgang finden... irgendwann.

Das ist so traurig für alle.

LG
Manfred.
Mayana
Beiträge: 221
Registriert: 11. Jun 2023, 01:16

Re: Plötzliche Trennung - "me time"

Beitrag von Mayana »

Hallo andi99,

Ich würde nicht behaupten, dass „me-time“ unbedingt was mit Depressionen zu tun haben oder von Eltern leichter Hilfe angenommen wird als vom Partner. Trennung in Verbindung mit Depressionen habe ich von Mitpatienten in der Klinik mitbekommen, wenn die Bedürfnisse des Depressiven und die des Partners zu unterschiedlich sind oder es im Laufe einer Therapie werden.
Maxegon
Beiträge: 2170
Registriert: 25. Mai 2021, 11:33

Re: Plötzliche Trennung - "me time"

Beitrag von Maxegon »

Hallo Andi99,

wenn jemand mehr Zeit für sich benötigt, ist es doch ein eindeutiges Zeichen, dass der Mensch mehr Zeit zur Erholung braucht, egal ob er gerade niedergeschlagen ist oder nicht.
Wenn mir etwas nicht behagt, mir unangenehm ist oder mich stört/nervt, werde ich auch alles tun, um mich dem zu entziehen und mir angenehmere Sachen suchen, die mir gefallen, die mir gut tun.

Wie machst du das?
Love-is-all-around
Beiträge: 74
Registriert: 19. Mär 2023, 11:03

Re: Plötzliche Trennung - "me time"

Beitrag von Love-is-all-around »

Lieber Andi,

was letztendlich der konkrete Anlass für die Trennung bei euch war, kann ich dir nicht beantworten. Daher schreibe ich dir aus meiner eigenen Perspektive:

Mit Depressionen ist die Bewältigung des Alltags eine enorme Herausforderung. Kind, Beruf, Haushalt erfordern sehr viel Kraft, weil häufig negative Gedanken im Kopf kreisen und ich nach außen hin eine Art Fassade aufrecht erhalte. Ich glaube manchmal, wenn die anderen wirklich wüssten wie ich denke und fühle, dann würden sie mich nicht mehr mögen. Wie soll man einen anderen Menschen lieben, wenn man sich selbst nicht lieben kann?

Ich kann mich schlecht von den Erwartungen und Bedürfnissen anderer Menschen abgrenzen. Aufgrund eines hohen Harmoniebedürfnisses ist es für mich besonders in einer Partnerschaft schwierig meinen eigenen Bedürfnissen ausreichend nachzukommen, weil ich tendenziell eher zurückstecke. Daher ist es für mich nahezu unmöglich mich in Gesellschaft eines anderen Menschen zu erholen und wieder Kraft zu schöpfen. Im Rahmen einer Therapie kann dann noch eine gute Portion "Egoismus" dazu kommen, weil die Krankheit ein hohes Maß an Aufmerksamkeit erfordert, um herauszufinden, an welcher Stelle es eigentlich klemmt.

Eine Beziehung zu führen ist nicht unmöglich, aber schwierig. Bei mir ist die Depression im Kontext mit Verletzungen aus einer früheren Beziehung und Trennung aufgetreten, sodass ich zunächst versucht habe ein stabiles soziales Netzwerk ohne neuen Partner aufzubauen. Der Umgang mit Familie und Freunden ist tatsächlich einfacher, weil diese Menschen mich schon eine Ewigkeit kennen und ich ihnen vertraue. Ich weiß, dass ein Fehlverhalten meinerseits nicht sofort zum Kontaktabbruch führt.

Am Anfang einer Partnerschaft spielen heftige Emotionen und große Ängste eine Rolle, denen man sich mit dieser Krankheit kaum gewachsen fühlt. Depressive benötigen Struktur und Sicherheit, keine Achterbahn der Gefühle. Sie benötigen Zeit, sehr viel Zeit und Geduld, weil sie nur äußerst ungern ihre Komfortzone verlassen. Sie fühlen sich schnell überfordert, reizüberflutet, bedrängt und können das kaum kompensieren. Bei mir schwingt dann oft die Frage mit, ob ich das einem anderen Menschen antun kann oder doch lieber allein bleiben sollte...

Liebe Grüße
Immer wenn du Pläne schmiedest, fällt das Schicksal lachend vom Stuhl.
DieNeue
Beiträge: 5182
Registriert: 16. Mai 2016, 22:12

Re: Plötzliche Trennung - "me time"

Beitrag von DieNeue »

Hallo Andi,

schön, dass du dich unter die Betroffenen gewagt hast und hier nachfragst :)
Können dir die Antworten weiterhelfen?

Liebe Grüße,
DieNeue
Andi99
Beiträge: 5
Registriert: 17. Nov 2023, 16:52

Re: Plötzliche Trennung - "me time"

Beitrag von Andi99 »

Vielen Dank für alle Antworten, das hilft gewisse Reaktionen besser zu verstehen!
Love-is-all-around hat geschrieben: 24. Nov 2023, 02:47 ...
Depressive benötigen Struktur und Sicherheit, keine Achterbahn der Gefühle.
...
Für jeden können die Worte unterschiedliches bedeuten, da jeder eine eigene Lebensgeschichte erlebt hat.

@Love-is-all-around
Könntest du vielleicht mehr Details anhand von Beispielen beschreiben, was Struktur, Sicherheit und Achterbahn für Depressive genau bedeuten können?


Vielen Dank und Grüße,
Andi
Love-is-all-around
Beiträge: 74
Registriert: 19. Mär 2023, 11:03

Re: Plötzliche Trennung - "me time"

Beitrag von Love-is-all-around »

Hallo Andi,

ich weiß nicht genau wie lange und intensiv eure Beziehung war. Außerdem kann ich nur für mich selbst sprechen, was mir hilft. Falls etwas unklar bleiben sollte, dann frag - gern auch per PN - nach.

Ich bin nicht spontan. Wenn du Samstag nach dem Frühstück auf die Idee kommen solltest, dass du für das Wochenende einen Städtetrip mit Übernachtung bis Sonntag unternehmen möchtest, dann bin ich raus. Ich benötige viel Zeit und Planung, vielleicht noch ein wenig gutes Zureden, bevor ich meine Komfortzone verlasse.

Ich brauche einen zuverlässigen Partner. Ich muss darauf zählen können, dass er grundsätzlich für mich telefonisch erreichbar ist, wenn ich ihn brauche oder zumindest sofort zurückruft, wenn es ihm möglich ist.

Mir ist eine transparente und ehrliche Kommunikation wichtig. Mit klaren Ansagen und deutlichen Grenzen komme ich viel besser zurecht als mit Ausreden, Schweigen oder Flunkerei. Antworten wie "Vielleicht", "Müssen wir mal sehen" oder "Das entscheiden wir spontan" treiben mich in den Wahnsinn. Wenn ich eine andere Person etwas frage, dann habe ich mir das vorher sehr genau überlegt, im Kopf geplant und erwarte eine eindeutige Antwort. Dann kann ich allenfalls noch akzeptieren, dass eine verbindliche Antwort innerhalb eines gewissen Zeitraums anvisiert wird.

Mit einem "Nein" als Antwort komme ich sehr schwer zurecht, weil ich es schnell als Ablehnung von mir als Person, nicht nur der Sache, auffasse. In dem Fall ist eine sehr sensible Kommunikation erforderlich. Beispiel: "Tut mir leid, dass ich mit dir am Samstag nicht auf den Flohmarkt gehen kann. Ich hätte dich sehr gern begleitet. Aber ich habe meinem Freund bereits vor drei Tagen zugesagt, dass ich ihm beim Umzug helfe."

In fast jedem depressiven Menschen steckt ein verletztes inneres Kind. Da helfen am besten Geduld, Aufmerksamkeit und Toleranz.

Liebe Grüße
Immer wenn du Pläne schmiedest, fällt das Schicksal lachend vom Stuhl.
Novvi
Beiträge: 54
Registriert: 11. Apr 2020, 21:01

Re: Plötzliche Trennung - "me time"

Beitrag von Novvi »

Hallo Andi,
Ich wollte nur kurz zurùck melden, dass was love da geschrieben hat, auch auf mich zutrifft. Ich hàtte es nicht anders schreiben kònnen.
Es ist zwar jetzt nicht reprasentativ, aber evtl. hilft es dennoch?
Liebe Grùße,
Novvi
Lavendel64
Beiträge: 539
Registriert: 27. Dez 2017, 14:44

Re: Plötzliche Trennung - "me time"

Beitrag von Lavendel64 »

Hallo,
me time und Partnerschaft schließen sich nicht automatisch aus. Es setzt nur voraus, dass der Partner ehrliches Interesse an der Beziehung hat und bereit ist, zu investieren, zu unterstützen und sich zu informieren. Ich kann mir vorstellen, dass langjährige Beziehungen da im Vorteil sind. Emotionale Stabilität des Partners ist enorm hilfreich.

Es ist nicht einfach, aber welche Beziehung ist das schon? Die Belastung ist eben anders geartet. Freiräume, also "me-time" kann man sich durchaus in einer Beziehung nehmen. Man muss nicht immer an der Seite des Partners sein, kann sich auch innerhalb der eigenen vier Wände zurückziehen. Wichtig ist all das, was love schon geschrieben hat: Ehrlichkeit, Vertrauen und Kommunikation. Wenn ich in eine depressive Phase gerate oder aus anderen Gründen Stress habe, dann reden wir darüber. Wenn es schlimm wird und Ängste durchbrechen, sage ich klar, was ich brauche - muss allerdings damit rechnen, dass der Partner ablehnt - das nicht als Zurückweisung zu sehen, musste ich auch erst lernen.

Viel geholfen haben uns gemeinsame Therapiestunden, in denen verändertes Verhalten während depressiver Phasen erläutert wurde. Und auch, wie der nicht Betroffene sich eigene Freiräume erhält.

Liebe Grüße
Lavendel
***Wir können den Wind nicht ändern, aber die Segel anders setzen ***
Andi99
Beiträge: 5
Registriert: 17. Nov 2023, 16:52

Re: Plötzliche Trennung - "me time"

Beitrag von Andi99 »

Hallo,

vielen Dank für die Erklärungen, die helfen weiter!

Im Post von Love-is-all-around weiter oben schreibt sie:
Love-is-all-around hat geschrieben: 24. Nov 2023, 02:47 ...Bei mir schwingt dann oft die Frage mit, ob ich das einem anderen Menschen antun kann oder doch lieber allein bleiben sollte...
  • Ich würde gerne verstehen, wie lange dieser Zustand anhalten kann?
  • Hängt vermutlich davon ab, ob Betroffene sich gerade in einer einfacheren/schwierigeren Depressionsphase befinden?
  • Was wird in Therapien getan, damit die Betroffenen wieder Partnerschaften eingehen können? Wie lange kann das dauern?
  • Welchen Rat würdet ihr Angehörigen für den Umgang mit den Betroffenen geben bzw. findet ihr am Wichtigsten?
  • Bisher finde ich diese Quellen hilfreich:
    https://www.deutsche-depressionshilfe.d ... ngehoerige
    https://www.therapie.de/psyche/info/ind ... ion/tipps/

Vielen Dank und Grüße,
Andi
Love-is-all-around
Beiträge: 74
Registriert: 19. Mär 2023, 11:03

Re: Plötzliche Trennung - "me time"

Beitrag von Love-is-all-around »

Hallo Andi,

dann versuche ich mich mal an einer Antwort:

Die Dauer des Zustandes hängt davon ab, wie schwer die Depression ist, wie gut die Behandlung anschlägt und welche Umstände die Depression ausgelöst haben.

Ich befand mich einige Jahre in einer schwierigen Beziehung und nunmehr seit mehr sls zwei Jahren in Trennung. Mindestens seit 7 Jahren denke ich darüber nach, ob es nicht besser wäre allein zu bleiben statt in einer Beziehung zu sein, die mir all meine Kraft raubt.

In einer Therapie kann man Beziehungsthemen durchaus ansprechen. Die Ursachen vieler Schwierigkeiten liegen jedoch oft in negativen Gedanken und dem Unterdrücken der eigenen Bedürfnisse, sodass der Therapieansatz sich sehr auf den Betroffenen fokussiert. Manche Therapeuten raten ihren Patienten sogar, sich von Beziehungen, die ungute Gefühle verursachen, zu distanzieren.

Ich würde dir folgende Ratschläge geben: keine zu hohen Erwartungen, keine Vorwürfe, keine Bevormundung, genügend Bedenkzeit für Veränderungen und auch nur in kleinen Schritten, keine ständigen Nachrichten und Anrufe, lieber ein Foto oder ein Witz statt der nervigen Frage "Wie geht's?", ein paar Inspirationen (Musik, Filme, Bücher, kleine Ausflüge), Hilfe aktiv und konkret anbieten. Wenn du es schaffst, jemandem das Gefühl zu geben, dass nichts Muss, aber alles Kann, dann ist es genau der richtige Weg.

Liebe Grüße
Immer wenn du Pläne schmiedest, fällt das Schicksal lachend vom Stuhl.
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